Tambouren und Pfeifer der Schweiz
Zur Geschichte der Trommel im Abendland

Die Trommel, mit ihren fast unüberschaubaren Formen, zählt zu den ältesten Musikinstrumenten, wenn sie nicht gar als ältestes Instrument anzusehen ist. Einfellige Gefässtrommeln sind bereits aus der europäischen Vor- und Frühgeschichte bekannt. Sie wurden aus gebranntem Ton gefertigt und verbreiterten sich vasenartig nach oben. Noch heute sind ähnliche Trommelformen im Vorderen Orient anzutreffen, wo sie schon im Alten Ägypten vor ungefähr 5000 Jahren nachzuweisen sind. Die mannigfache Zahl der Form und Gestalt liess eine systematische Einteilung der Trommeln nach Typen bisher scheitern. Grob unterscheidet man in Kessel- und Röhrentrommel, wobei die Pauke als Beispiel für eine Kesseltrommel erwähnt sei, während die heutigen Ordonnanz- und Baslertrommeln zu den Röhrentrommeln gerechnet werden.
Im Abendland erscheinen seit dem frühen Mittelalter einund zweifellige Trommeln. Woher stammen sie, woher sind sie beeinflusst? Sie sind wohl ursprünglich aus dem Orient nach Europa gelangt, einmal durch die Kontakte über das seit dem 8. Jahrhundert islamische Spanien, und dann vor allem während der Kreuzzüge (seit dem 12. Jahrhundert) und durch die späteren Türkenkriege. Der Einfluss aus der griechisch-römischen Antike ist nicht zu leugnen, geht doch die älteste mittelalterliche Bezeichnung für Trommel, das lateinische «tympanum», auf ein griechisches Wort zurück. Diese Beeinflussung tritt jedoch hinter der orientalischen zurück. Beweis dafür ist das Wort «Tambour», dessen Wurzel als arabisch-persisch freigelegt wurde. Ursprünglich bezog sich das altfranzösische Wort «tabor» auf alle Arten von Trommel- und auch Paukeninstrumenten. Damit war die mit einem Stock geschlagene flache oder längliche Trommel wie auch die Schellentrommel der Spielleute gemeint. Dann engte sich die Bezeichnung auf die zweifellige Zylindertrommel ein.
Hinter Wörtern und Begriffen verbergen sich ganze Geschichten. Als älteste deutsche Bezeichnungen erscheinen im frühen 12. Jahrhundert «trumme», «trumbe»/«trumpe», «trumel», von denen sich, unschwer zu erkennen, das Wort Trommel herleitet.
Als älteste Bedeutung dieser Wörter wurde allgemein «Schallerreger» ausfindig gemacht, später wurden sie für alle Membranophone dieser Zeit gebraucht. Auch die englischen Bezeichnungen «dromslade» und «drum» gehen auf diese Wortwurzel zurück.
Äusserst interessant mutet der Weg an, den das rätoromanische Wort «schumber» und «schumbrader» hinter sich hat. Ein «sumper» war im Althochdeutschen eine kleine Trommel, die zuweilen mit einer Einhandflöte kombiniert wurde. In einer alten eidgenössischen Schrift von 1483 heisst es: «Man bott in der ganzen Statt fröud zuo lütten mit allen glogen und zuo pfifen und trumellen und mit anderen spillen, mit sambren und schweglen, das es in der ganzen Statt erhall.» Aus den zahlreichen deutschschweizerischen Belegen für «sumber» im 15. Jahrhundert geht klar hervor, dass die Trommel als Soldateninstrument und zu Spiel und Tanz gebraucht wurde. Die Romanen übernahmen mit dem Instrument das Wort und formten es um in «schumber» und «schumbrader». Offensichtlich erfolgte diese deutschschweizerische Vermittlung im 15./16. Jahrhundert und stand wohl im engen Zusammenhang mit dem Wehrwesen.

Der Siegeszug des Basler Trommelns
Das heutige Tambouren- und Pfeiferwesen in der Schweiz ist wesentlich von der Basler Trommel- und Pfeiferkunst geprägt. Ohne Blick auf die besondere Ausgestaltung dieser Gattung bliebe vieles unvollständig und unverständlich. Mehrere Momente geographischer, historischer und soziokultureller Art haben zur ganz speziellen Entwicklung beigetragen.

Urs Ramseyer macht darauf aufmerksam, dass das Basler Trommeln und Pfeifen keineswegs nur auf die Fasnacht reduziert werden kann. Eine Reihe nichtfasnächtlicher Ereignisse gibt Anlass zum Musizieren: «Vogel Gryff, Zunftbesuche, Stadtfeste, feierliche Empfänge, schweizerische Schntzen- und Turnfeste, Trommel- und Piccolowettbewerbe, Firmen- und Vereinsjubiläen, runde Geburtstage, Polterabende, Hochzeiten und zuweilen auch Begräbnisse und Abdankungen. Ein paar der besten Basler Trommler leisten im Spiel des Infanterieregimentes 22 Militärdienst und schlagen damit eine Brücke zu einer Trommlertradition, der das Basler Trommeln mehr verpflichtet ist, als man es hier wahrhaben will. »" Fasnächtliches und Nichtfasnächtliches, Militärisches und Nichtmilitärisches spielten schon früh ineinander. Obrigkeitliche Verbote versuchten im 16. Jahrhundert, den Wehrbrauch, wie die Trommler- und Pfeiferumzüge im Anschluss an die alljährlichen Waffeninspektionen, von den Fasnachtsbräuchen zu trennen, nachdem sich immer mehr Maskierte unter die Züge gemischt hatten. Die Festtage der Zünfte und der Kleinbasler Ehrengesellschaften blieben von diesen Verboten ausgenommen. Auch kannte die Stadt Fronleichnamsprozessionen, begleitet von Trommlern und Pfeifern. Die Entwicklung zur typischen Trommelbegeisterung hat wesentlich mit der Grenzlage Basels zu tun. Entscheidende Impulse gingen von den französischen Garnisonstruppen aus, die 1798 einquartiert worden waren, und auch die Fremden Solddienste haben ihren Beitrag geleistet. Die aus den napoleonischen Heeren zurückkehrenden Tambour-Maitres fanden in der Stadt einen günstigen Wirkungskreis. Auffallenderweise sind es gerade oft Nichtbasler, die die musikalische Entwicklung vorangetrieben haben, wie Georg Duthaler betont. Eine wichtige Rolle bei der Ausgestaltung des Basler Trommelns, die hauptsächlich im 19. Jahrhundert erfolgte, spielten auch die sogenannten «Stänzler», die Standestruppen der Stadt. Seit dem letzten Jahrhundert wird das Trommeln in Basel immer mehr mit der Fasnacht, dem «Morgenstreich» und dem «Gässeln» in Verbindung gebracht.

Ist eine Kunst, die in einer Stadt gewachsen und mit ihr eng verflochten ist, in andere Regionen übertragbar? Ist es nicht so wie mit einer Sprache, die man nicht einfach ausfahren kann, wie ein beliebiges Produkt? Die Verbreitung des Basler Trommelns und Pfeifens in die übrige Schweiz warf hohe Wellen, fand engagierte Befürworter und energische Gegner. Voraussetzung für den «Export» des Basler Trommelns wurde die Notenschrift, die der bekannte «Trommeldoktor» Dr. iur. Fritz R. Berger in den 1920er Jahren entwickelte und welche die sogenannten «Hieroglyphen» ablöste. Erst jetzt wurde es möglich, die Märsche ohne die Hilfe eines erprobten Basler Tambours zu erlernen. Die persönlichen Kontakte zu Basler Trommlern blieben aber für Verbreitung entscheidend.

So setzte die Basler Trommelkunst in der ersten Hälfte 20. Jahrhunderts zu einem eigentlichen Siegeszug durch Schweiz an und bewies, hauptsächlich gegenüber dem damals einfachen Ordonnanz- oder Militärtrommeln, seine rhythmische und musikalische Überlegenheit. Die lokalen Tambourenvereine hatten sich 1916 zum Schweizerischen Tambourenverband zusammengeschlossen, der das Trommelspiel durch Wettkämpfe und Sektionsleiterkurse fördern wusste.
Führende Sektionen wurden Luzern, Solothurn, Gossau, Winterthur, Wil und in den 1970er Jahren Domat/Ems, in denen das Basler Trommeln zu einer erwarteten Perfektion getrieben wurde. Demgegenüber fand die Basler Pfeiferkunst eine späte Verbreitung, hauptsächlich erst seit den 1960er Jahren. Dies hat einerseits damit zu tun, dass das Pfeifen in vielen Gegend nicht mehr an eine Tradition anknüpfen konnte, und andererseits, und hauptsächlich, mit der Krise des Piccolo im 19. Jahrhundert zu erklären. Im Militär war dieses Instrument nicht mehr willkommen. Erst gegen Ende des Jahrhunderts war in Basel ein Aufwind der Pfeiferkunst bemerkbar. In den letzten 30 Jahren hat sich das Basler Pfeifen ungemein entwickelt. Technische Verbesserungen des Piccolos die Verarbeitung ausländischer Impulse und wohl auch das ständige Sichbehaupten gegenüber der lautgewaltigen und auch etablierten Trommel waren die Ursachen. Linus Bühl